Mutter Krausens Fahrt ins Glück
Deutschland 1929, Regie:Phil Jutzi, Drehbuch: Willy Döll, Jan Fethke, Literarische Vorlage: Heinrich Zille (nach Erzählungen von), Otto Nagel (berichtet von seinem Freund), Kamera: Phil Jutzi, Bauten: Robert Scharfenberg, Carl Haacker, Musik: Paul Dessau ((1929)), Darsteller: Alexandra Schmitt, Holmer Zimmermann, Ilse Trautschold, Gerhard Bienert, Vera Sacharowa, Friedrich Gnaß, Fee Wachsmuth. Produktionsfirma: Prometheus Film-Verleih und Vertriebs-GmbH, Berlin
Sonntag,3. Dezember, 11.00 und 20 Uhr
Die Kinowerkstatt St. Ingbert zeigt im Rahmen des Begleitprogramms zur aktuellen Ausstellung des Museums Sankt Ingbert „Käthe Kollwitz. Radierungen, Lithographien, Holzschnitte“ den Film "Mutter Krausens Fahrt ins Glück" als Stummfilm mit Live - Klavierbegleitung, am Klavier: Helmut Bieg.
In einer düsteren Straße des Berliner Nordens wohnt die Witwe Krause mit ihrem Sohn und ihrer Tochter. Die drei erwachsenen Menschen wohnen in einer kleinen Küche. Das einzige Zimmer ist abvermietet an einen Schlafburschen und dessen Freundin, eine Straßendirne. Die Tochter der Frau Krause lernt einen jungen Arbeiter kennen und verliebt sich in ihn. Und während sie draußen in Tegel mit ihm einen glücklichen Sonntag verlebt, vergreift sich ihr Bruder an dem kassierten Zeitungsgeld, das die Mutter einen Tag später abliefern muß. Vergeblich versucht sie, das fehlende Geld aufzutreiben; auch ihr Bitten um Nachsicht bleibt unerhört, die Spedition der Zeitung erstattet Strafanzeige. Mutter Krause sieht keinen Ausweg, und als auch noch ihr Junge wegen versuchten Einbruchs verhaftet wird, nimmt sie sich das Leben. Das Kind des Straßenmädchens nimmt sie mit "ins Glück". (Die Filmwoche, Nr. 50, 11.12.1999)

Dieser Film ist manchmal grandios: wenn Alexandra Schmitt spielt; wenn die Kamera die Höfe am Wedding abtastet, von unten nach oben, im Kreise, die schalen Riesenwände empor, die Rinnen entlang, Über dunkle Fenster weg, die wie Augenlöcher aus einem Totenkopf stieren; und wenn die Kamera furios wird und sich im Kreise dreht, auf dem Rummelplatz, auf der amerikanischen Schaukel schwingt, auf und nieder, Karussell. [...]
(Leo Hirsch in: Berliner Tageblatt, Nr. 4, 3.1.1930)

Mutter Krausens Fahrt ins Glück: keines jener Erzeugnisse, in denen Zille-Motive zu kitschigen Zwecken mißbraucht worden sind, sondern ein anständiger, sauberer Film, der dem Namen des toten Meisters (Heinrich Zille, Maler, S.K.) und auch dem von Käthe Kollwitz alle Ehre macht. [...] Frei von Sentimentalität schildert er das Wohnungselend in Berliner Proletariervierteln und seine Folgen, Zustände also die anzuschauen not tut. [...] Aber er (Piel Jutzi, S.K.) hat doch nicht wie andere den Russen nur die Äußerklichkeiten abgeguckt, sondern wirklich von ihnen gelernt. Seine Straßen-, Häuser- und Hofaufnahmen sind großartig, seine Übergänge sachlich begründet. [...]
(Siegfried Kracauer: Wedding im Film. In. Frankfurter Zeitung, Nr. 74, 28.1.1930)

Der bisher beste deutsche Film des Jahres: Mutter Krausens Fahrt ins Glück ist nach einem hinterlassenen Filmmanuskript von Heinrich Zille, bearbeitet von seinem Freund Otto Nagel, einem echten Proletarier vom Wedding. Nagel sucht mit seinem Regisseur Piel Jutzi seine Schauspieler nicht unter den Primadonnen und Prominenten aus, sondern holte sich unbekannte und erwerbslose Darsteller heran. Wie es Zilles Art entsprach, spielt dieser Film im ärmsten proletarischen Milieu, hart an den Rändern des Absturzes in den Sumpf, zeichnet die Hauptpersonen in ihrer kleinbürgerlichen Befangenheit, bald bedenkenlos lustig, bald resignierend, und stellt ihnen in einem organisierten Arbeiter den Ausweg durch den Klassenkampf gegenüber. [...]
(Fritz Schiff in: Der Klassenkampf, Nr. 3, 1.2.1930)