MADAME BOVARY

Frankreich 1991, 136 Minuten, Regie: Claude Chabrol, Drehbuch: Claude Chabrol, nach dem Roman von Gustave Flaubert, Musik: Matthieu Chabrol, Maurice Coignard, Director of Photography: Jean Rabier, Montage: Monique Fardoulis, Produktionsdesign: Michèle Abbé-Vannier. Darsteller: Isabelle Huppert (Emma Bovary), Jean-François Balmer (Charles Bovary), Christophe Malavoy (Rodolphe Boulanger), Jean Yanne (M. Homais, Apotheker), Lucas Belvaux (Leon Dupuis, Anwalt), Jean-Louis Maury (Lhereux, Stoffwarenhändler), Christiane Minazzoli (Witwe Lefancois), Florent Gibassier (Hippolyte), Jean-Claude Bouillad (Monsieur Rouault, Vater Emmas), Sabeline Campo (Felicite, Hausangestellte der Bovarys), Yves Verhoeven (Justin, Bursche von Homais), OF, e. UT

13. französische Filmtage - Hommage à Claude Chabrol: So. 8. März, 20 Uhr

Nach dem Roman von Gustave Flaubert.
Der Film von Chabrol macht die Geschichte trotz der schönen Bilder noch erbarmungsloser als sie Flaubert angelegt hat. Madame Bovary geht an ihrem gesellschaftlichen Ehrgeiz zugrunde. 
(Programmheft)


Emma (Isabelle Huppert), Tochter eines begüterten Bauern (Jean-Claude Bouillaud), wächst in der Enge der französischen Provinz auf. Sie lernt den schüchtern wirkenden, vor allem aber biederen und mit seinem Leben offenbar vollauf zufriedenen Arzt Charles Bovary (Jean-François Balmer) kennen und heiratet ihn. Doch die Unzufriedenheit ihres bisherigen Lebens zu Hause setzt sich auch in der Ehe mit Charles fort. Als ihr Mann eine Einladung zu einem Ball eines Aristokraten erhält, sieht Emma zum ersten Mal die Welt des Adels, Bürgertums und des Geldes und erklärt ihrem Mann, dies sei der schönste Tag in ihrem Leben gewesen.

Emma, die sich in die Welt der Musik und der schöngeistigen Literatur vergräbt und hier ihre Träume findet, fragt sich bald, warum sie überhaupt geheiratet hat. Charles, der die Gefühle seiner Frau nicht kennt, nur sieht, dass die Unzufriedenheit Emmas größer wird, beschließt, seine Praxis in eine größere Stadt zu verlegen, nach Yonville in der Nähe von Rouen. Sie ist schwanger und die Bovarys bekommen ein Mädchen, Berthe.

In Yonville lernt Emma den jungen angehenden Anwalt Leon Dupuis (Lucas Belvaux) kennen,  mit dem sie sich des öfteren trifft. In ihm sieht Emma einen Hoffnungsschimmer für ein anderes Leben. Doch obwohl oder gerade weil sich Leon in Emma verliebt, geht er nach Paris. Emma fühlt sich immer eingeengter in eine Welt, in der jeder Tag wie der andere aussieht, in einer Stadt, die von Männern wie dem geschäftstüchtigen Apotheker Homais (Jean Yanne) und dem ebenso geldgierigen Stoffwarenhändler Lhereux (Jean-Louis Maury) geprägt ist.

Erst der reiche und gut aussehende Landbesitzer Rodolphe Boulanger (Christophe Malavoy) lässt Emma wieder hoffen, ihre romantischen Phantasien könnten Wirklichkeit werden. Während eines für die reichen Bewohner Yonvilles wichtigen Landwirtschaftsfestes macht Boulanger Emma den Hof, redet gegen die öffentliche Moral und die Konventionen. Emma beginnt eine heimliche Liaison mit ihm. Ihre Ehe mit Charles wird für sie immer erdrückender, obwohl Charles sie liebt und ihr immer wieder zur Seite steht. Gleichzeitig lebt Emma über ihre Verhältnisse und verschuldet sich mehr und mehr bei Lhereux. Als sie Boulanger bittet, mit ihr aus der Enge der Kleinstadt auszubrechen, macht der einen Rückzieher.

Und auch das Wiedersehen mit Leon, mit dem Emma wenig später eine Liebschaft beginnt, rettet die Familie Bovary nicht vor dem finanziellen Ruin. Schließlich scheint für Emma nur noch der Selbstmord als Ausweg aus ihren gescheiterten Sehnsüchten und einem erhofften ganz anderen Leben.

Chabrols Adaption dieses (von manchen für unverfilmbar gehaltenen) Romans Flauberts wirkt auf den ersten Blick zu stark unterkühlt, fast gefühllos, „mechanisch“ erzählt. Lässt man den Film jedoch noch einige Zeit auf sich wirken, wird deutlich, welch fantastischen Realismus Chabrol in das Spiel der Schauspieler und die Geschichte einfließen lässt, wie er ohne Schnörkel die kleinbürgerlichen Verhältnisse in ihrer Substanz ausbreitet und selbst in den (scheinbar) romantischen Szenen – wenn Emma ihre Verhältnisse mit Boulanger und Leon auszuleben scheint – die Skrupellosigkeit und Berechnung aller Handelnden enthüllt.

Zu danken ist diese Art der Inszenierung vor allem auch der Hauptdarstellerin Isabelle Huppert, die wie gewohnt exzellent eine Frau darstellt, die ihr vermeintliches Glück nicht in sich selbst, sondern in erträumten, romantisierten Vorstellungen sucht. Die Bälle, das Geld, die große Liebe eines Mannes, das Ansehen der feinen Gesellschaft scheinen Emma das Erstrebenswerte. Die Huppert spielt Emma als äußerlich zumeist gefasste, ihre Emotionen nach außen meist verbergende Frau, die oft kalt ihre Sehnsüchte träumt und sie zu realisieren sucht, und die, wenn sie die Enge und die Gesetze der kleinbürgerlichen Welt, der sie nicht wirklich entkommen kann, einholen, im nervlichen Zusammenbruch und in der Hysterie den einzigen Ausweg für ihre psychischen wie physischen Kollaps finden kann. Mit steinerner Miene kommentiert die Huppert – hierin ist sie grandios (man vergleiche ihre Rolle der Frau Professor Kohut in „Die Klavierspielerin“ von Michael Haneke nach einem Roman von Elfriede Jelinek; oder auch ihre  Augustine in François Ozons „8 femmes“) –, wozu andere Schauspieler(innen) einen enormen Aufwand an Gestik und Mimik benötigen.

Chabrol kann aber auch auf den Rest des Ensembles setzen, auf den einen biederen, fast tölpelhaften, nichtsdestotrotz grundehrlichen und liebenden Charles Bovary spielenden Jean-François Balmer, auf den einen skrupellos spekulierenden Händler verkörpernden Jean-Louis Maury und nicht zuletzt auf den einen in der kleinbürgerlichen Welt emporkommen wollenden Apotheker mimenden Jean Yanne. Auch die beiden Liebhaber der Emma – den romantisch veranlagten Leon Dupuis und den Frauenheld Boulanger – werden von Lucas Belvaux und Christophe Malavoy überzeugend gespielt.

So entsteht das Sittenbild einer Welt, der entweder keiner entkommen will oder keiner entkommen kann, in der letztlich das Geld über alle Moral, alle Sehnsüchte, alle Liebe und Liebschaften, alle Hoffnungen und Wünsche siegt. Chabrol gelingt es, auch Emmas Verlorenheit in dieser Welt plastisch und drastisch zu schildern. Als sie – hoch verschuldet – zum Schluss Boulanger und Leon um Geld bittet, um dem familiären Ruin zu entgehen, lassen sie beide im Stich. Der Selbstmord erscheint in dieser Katastrophe der für Emma einzige Ausweg. Nicht nur das: Die Verlogenheit, die hinter moralischer Fassade mehr schlecht als recht versteckte Gier der örtlichen Honoratioren, der Emma zum Opfer fällt und denen sie sich – unbewusst – zugleich als Opfer angeboten hatte, steht Emmas Gier nach einer Welt des Luxus und der Begierde gegenüber, die sie für den Anfang eines „ganz anderen Lebens“ und die Erfüllung von Glück hält. Sie kann nicht verstehen, dass sich ihr diese Welt verschließt, weil sie zum größten Teil aus eigenen Illusionen besteht.

Besonders drastisch kommt Chabrols Interpretation auch dort zum Ausdruck, wo es um das Verhältnis Emmas zu ihrem Mann und ihrer Tochter geht. Für beide empfindet sie letztlich kein Interesse. Nur ab und an leuchten in Emmas Augen die Zuneigung zu ihrem Kind und die Dankbarkeit für ihren Mann auf. Doch dies sind mehr unbewusste Reflexe einer in Emma verborgenen, von ihr aber bekämpften und eingesperrten wirklichen Fähigkeit zur Liebe, die von ihren illusionären und anderen gegenüber skrupellosen Phantasien besiegt wird.

Der Selbstmord Emmas ist letztlich auch Ausdruck ihrer Kapitulation vor einer Welt, in der sie nicht leben, gegen die sie aber auch kein eigenes Leben setzen konnte, weil sie diese von ihr gehasste Welt immer wieder für sich in Anspruch genommen hatte.

Chabrols Adaption des Stoffes gehört zu den am meisten beeindruckenden und zugleich am meisten erschreckenden Romanverfilmungen der Filmgeschichte.

 


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