Lost Highway

(Frankreich, USA, 1997), FSK: ab 16 Genre: Thriller, 135 min. Regie: David Lynch, Drehbuch: David Lynch, Barry Gifford. Mit Bill Pullman (Fred Madison), Patricia Arquette (Renee Madison/Alice Wakefield), Balthazar Getty (Peter Raymond Dayton), Robert Blake (Mystery Man), Natasha Gregson Wagner (Sheila), Richard Pryor (Arnie), Lucy Butler (Candace Dayton), Michael Massee (Andy), Jack Nance (Phil), Giovanni Ribisi (Steve 'V' Vincencio), Scott Coffey (Teddy), Gary Busey (William Dayton), Robert Loggia (Mr. Eddy/Dick Laurent)

(Frankreich, USA, 1997), FSK: ab 16  Genre: Thriller, 135 min. Regie: David Lynch, Drehbuch:  David Lynch, Barry Gifford. Mit Bill Pullman (Fred Madison), Patricia Arquette (Renee Madison/Alice Wakefield), Balthazar Getty (Peter Raymond Dayton), Robert Blake (Mystery Man), Natasha Gregson Wagner (Sheila), Richard Pryor (Arnie), Lucy Butler (Candace Dayton), Michael Massee (Andy), Jack Nance (Phil), Giovanni Ribisi (Steve 'V' Vincencio), Scott Coffey (Teddy), Gary Busey (William Dayton), Robert Loggia (Mr. Eddy/Dick Laurent) 

Voller Mißtrauen und Argwohn schaut der Jazz-Musiker Fred (Bill Pullman) auf seine Frau Renee (Patricia Arquette). Zerfressen von Eifersucht verdächtigt er die attraktive Brünette, ihn zu betrügen und wird plötzlich unter dem Verdacht verhaftet, seine Frau auf bestialische Weise ermordet zu haben. Abgeurteilt und inhaftiert, erwartet er in der Todeszelle die Hinrichtung. Eines Nachts jedoch ereignet sich eine phantastische Transformation: Fred verwandelt sich in Pete Dayton (Balthazar Getty), einen jungen Automechaniker. Den Behörden bleibt nichts anderes übrig, als den offensichtlich unschuldigen Häftling in die Freiheit zu entlassen.

Pete, von dem mysteriösen Erlebnis sichtlich mitgenommen, kehrt in seinen Alltag zurück. Wenig später taucht an der Seite des zwielichtigen Geschäftsmanns Mr. Eddy (Robert Loggia) die atemberaubende Schönheit Alice Wakefield (Patricia Arquette), das blonde Ebenbild Renees, an Petes Arbeitsplatz auf. Beide sind einander sofort verfallen. Pete stürzt sich in eine wilde Liebesaffäre mit Alice - und gerät in einen verzwickten Plot aus Verführung und Sex, Verrat und Gewalt, an dessen Ende kein anderer steht als: Fred Madison.

Der Film ist ein Trip in den Wahnsinn, von innen her betrachtet. Verabschieden wir uns also von allen Erwartungen, die wir dem traditionellen Erzählkino entgegenbringen: LOST HIGHWAY erzählt keine lineare Geschichte, vielmehr nimmt der Film die Elemente Raum, Zeit und Figuren und arrangiert sie zu einem völlig neuartigen Gefüge. Darin gibt es keinen Anfang, keine Mitte und auch keinen Schluß; hier wird keine kontinuierliche Bewegung beschrieben, sondern ein Zustand. »Es ist ein Moebius-Band«, bemerkt David Lynch und verweist damit auf jenes verschlungene Band, bei dem die Enden einmal verdreht zusammengeklebt sind und das nicht - wie etwa ein Ring - eine Innen- und Außenseite hat, sondern nur eine Oberfläche besitzt. Wir befinden uns in einer Endlosschleife, in der die Begriffe vorne und hinten sowie oben und unten keine Gültigkeit mehr besitzen, weil alles zusammengehört und ineinanderfließt. Für Fred Madison und Pete Dayton würde das bedeuten, daß sie keineswegs die beiden Seiten ein und derselben Medaille sind, sondern die beiden Seiten einer Fläche, die nur eine Seite hat.

»LOST HIGHWAY ist heutzutage wahrscheinlich genauso schockierend wie ein kubistisches Gemälde zur Zeit der traditionellen Malerei«, sagt »Mr. Eddy«-Darsteller Robert Loggia und bringt uns damit auf die erste Spur. Der Kubismus reduzierte, vereinfacht gesagt, Gegenstände auf ihre Grundformen, zerlegte sie und verband ihre Elemente zu neuen Bildgefügen; es ging ihm nicht um naturalistische Darstellung (»wie etwas ist«), sondern um die Verbindung von visueller und geistiger Erfahrung (»wie etwas gesehen wird«). Lynchs Methode in LOST HIGHWAY ist diesem Verfahren verwandt: Er übernimmt auf radikale Weise die subjektive Perspektive eines Mannes und zeigt uns, wie dieser die Welt sieht.

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Kurzinhalt

Voller Mißtrauen und Argwohn schaut der Jazz-Musiker Fred (Bill Pullman) auf seine Frau Renee (Patricia Arquette). Zerfressen von Eifersucht verdächtigt er die attraktive Brünette, ihn zu betrügen und wird plötzlich unter dem Verdacht verhaftet, seine Frau auf bestialische Weise ermordet zu haben. Abgeurteilt und inhaftiert, erwartet er in der Todeszelle die Hinrichtung. Eines Nachts jedoch ereignet sich eine phantastische Transformation: Fred verwandelt sich in Pete Dayton (Balthazar Getty), einen jungen Automechaniker. Den Behörden bleibt nichts anderes übrig, als den offensichtlich unschuldigen Häftling in die Freiheit zu entlassen.

Pete, von dem mysteriösen Erlebnis sichtlich mitgenommen, kehrt in seinen Alltag zurück. Wenig später taucht an der Seite des zwielichtigen Geschäftsmanns Mr. Eddy (Robert Loggia) die atemberaubende Schönheit Alice Wakefield (Patricia Arquette), das blonde Ebenbild Renees, an Petes Arbeitsplatz auf. Beide sind einander sofort verfallen. Pete stürzt sich in eine wilde Liebesaffäre mit Alice - und gerät in einen verzwickten Plot aus Verführung und Sex, Verrat und Gewalt, an dessen Ende kein anderer steht als: Fred Madison.

Mit LOST HIGHWAY hat Kultregisseur David Lynch (BLUE VELVET, WILD AT HEART) einen packenden Thriller voller Rätsel und Geheimnisse geschaffen: eine faszinierende Reise in eine ebenso erotische wie bedrohliche Welt der Begierde und Leidenschaft, ein abgründiges Spiel mit Raum und Zeit, Identität und Phantasie, Wahn und Wirklichkeit.

Was in LOST HIGHWAY geschieht (I):

Die Leinwand-Chronologie

Fred Madison (Bill Pullman) sitzt rauchend im Dunkeln. Ein Vorhang öffnet sich automatisch, und Fred betrachtet sich im Spiegel. Es klingelt an der Tür. Durch die Gegensprechanlage sagt jemand: »Dick Laurent ist tot.« Sekunden später sind quietschende Autoreifen und eine heulende Polizeisirene zu hören. Fred schaut aus dem Fenster, doch vor dem Haus ist alles ruhig.

Am Abend bereitet sich Fred, von Beruf Jazz-Saxophonist, auf seinen Auftritt vor. Seine Frau Renee (Patricia Arquette) will ihn heute nicht begleiten: Sie möchte lieber zu Hause bleiben, lesen und auf ihn warten. Fred scheint das nicht so recht zu glauben. Im Stroboskoplicht der »Luna Lounge« legt Fred ein fetziges Solo hin. Nach dem Konzert ruft er zu Hause an, aber niemand hebt ab. Doch bei seiner Rückkehr liegt Renee schlafend im Bett.

Am Morgen findet Renee auf den Treppenstufen einen unbeschrifteten Umschlag mit einer Videokassette. Das Band zeigt, für ein paar Sekunden nur, die Front des Madison-Hauses.

Fred liegt wach im Bett. Er erinnert sich daran, wie Renee während eines Auftritts in der »Luna Lounge« mit einem Mann den Club verließ. Renee kommt ins Bett. Die beiden schlafen miteinander - ein angespannter, angestrengter Akt, bei dem Renee keinerlei Erregung zeigt. Danach erzählt ihr Fred einen Traum der letzten Nacht: Renee war im Haus und rief seinen Namen, er konnte sie jedoch nicht finden. Dann entdeckte er sie schlafend im Bett, aber es sei nicht sie gewesen, sondern jemand anderes. Schweißgebadet erwacht Fred; als er Renee anschaut, hat sie das Gesicht eines älteren Mannes. Entsetzt macht Fred das Licht an - und Renees Züge sind wieder ihre eigenen.

Am Morgen findet Renee ein weiteres Video auf der Treppe. Es beginnt wie das erste, doch diesmal folgt auf die Frontansicht eine Kamerafahrt durch das Innere des Hauses. Die Aufnahmen enden im Schlafzimmer und zeigen Fred und Renee schlafend im Bett. Renee ist entsetzt und ruft die Polizei. Zwei Beamte des LAPD, Ed (John Roselius) und Al (Lou Eppolito), schauen sich das Videoband an und inspizieren anschließend das Haus. Sie erkundigen sich, ob die Madisons eine Videokamera besitzen. Fred erklärt, er halte nichts von Videokameras; er ziehe es vor, die Dinge so im Kopf zu behalten, wie er sie empfunden habe und nicht unbedingt so, wie sie sich tatsächlich ereignet hätten. Die Cops empfehlen dem Ehepaar, in Zukunft die Alarmanlage regelmäßig einzuschalten, und versprechen, der Sache nachzugehen.

Auf einer Party werden Fred und Renee vom Gastgeber begrüßt. Es ist Andy (Michael Massee) - jener Mann, der in Freds Erinnerung gemeinsam mit Renee die »Luna Lounge« verlassen hatte. Während Fred, der sich auf der Party unwohl fühlt, an der Bar Drinks kippt, kommt der »Mystery Man« (Robert Blake) auf ihn zu - jener Mann, dessen Gesicht Renee in Freds Traum angenommen hatte. Der Mystery Man begrüßt ihn wie einen alten Bekannten, während Fred sich nicht daran erinnern kann, diesen geheimnisvollen Fremden schon einmal getroffen zu haben. Sie seien sich in Freds Haus begegnet, erklärt der Mystery Man, und genau dort befinde er sich auch jetzt. Als Fred sein Gegenüber nun für verrückt erklärt, reicht ihm der Mystery Man ein Funktelefon und fordert ihn auf, dort anzurufen. Tatsächlich meldet sich am anderen Ende der Leitung der Mystery Man. Auf Freds Frage, wer er sei und wie er das gemacht habe, antwortet dieser mit einem höhnischen Lachen - und verabschiedet sich.

Fred erkundigt sich bei Andy, ob er den ganz in Schwarz gekleideten Mann kenne. Er sei ein Freund von Dick Laurent, erwidert Andy. Dick Laurent sei doch tot, meint Fred, scheint aber nicht genau zu wissen, woher er diese Information hat. Außerdem kennt er überhaupt keinen Dick Laurent. Renee und Andy wirken trotzdem beunruhigt. Auf der Rückfahrt erzählt Renee, sie habe Andy vor langer Zeit in einer Bar namens »Moke's« kennengelernt. Sie hätten sich angefreundet und er habe ihr einen Job angeboten, doch an Einzelheiten könne sie sich nicht mehr erinnern. Bevor Fred Renee ins Haus läßt, überprüft er, ob sich dort jemand aufhält. Aber abgesehen vom Läuten des Telefons (Fred geht nicht ran) ist alles ruhig. Während Renee sich abschminkt, wandelt Fred mit eisiger Miene durch die dunkle Wohnung. Er betrachtet sich im Spiegel und kehrt, nachdem Renee ihn besorgt gerufen hat, ins Schlafzimmer zurück.

Fred kommt (am nächsten Tag?) mit einer weiteren Videokassette ins Wohnzimmer. Wieder betrachtet er die schon vertrauten Bilder des Hauses, doch als die Kamera diesmal ins Schlafzimmer fährt, zeigt sie Fred neben der zerstückelten Leiche Renees kniend. Entsetzt von den Bildern, ruft Fred den Namen seiner Frau. Im Polizeirevier schlägt Al Fred die Nase blutig und nennt ihn einen Killer. Fred: »Ich habe sie nicht getötet. Sagen Sie mir, daß das nicht wahr ist!« Fred wird zum Tode verurteilt und kommt ins Gefängnis. Er leidet unter immer heftigeren Kopfschmerzen und kann nicht schlafen. Eines Nachts »sieht« er in seiner Zelle eine in Flammen stehende Holzhütte. Das Feuer brennt rückwärts, so daß die Hütte schließlich unversehrt dasteht. Der Mystery Man tritt aus der Tür und lächelt Fred zu. Fred scheint wahnsinnig zu werden: Die Bilder rauschen durch seinen Kopf. Wir sehen zuckende Blitze, einen nächtlichen Wüstenhighway, den jungen Pete Dayton (Balthazar Getty) am Straßenrand, einen sich öffnenden Körper - und Fred, der sich manisch auf seiner Pritsche hin- und herwälzt.

Am nächsten Morgen sind die Gefängniswärter total perplex: Fred ist verschwunden, statt dessen sitzt Pete Dayton, schwer am Kopf verletzt, in der Zelle. Die Beamten ermitteln seine Identität, benachrichtigen seine Eltern und entlassen ihn notgedrungen aus der Haft. Petes Eltern, Bill (Gary Busey) und Candace Dayton (Lucy Butler), bringen den angeschlagenen jungen Mann nach Hause. Vor dem Haus gehen zwei Polizisten in Stellung: Hank (Carl Sundstrom) und Lou (John Solari). Sie sollen Pete rund um die Uhr beschatten.

Gemeinsam mit seinen Freunden geht der immer noch reichlich desorientierte Pete in die Disko. Seiner Freundin Sheila (Natasha Gregson Wagner) erklärt er beim Tanz, er könne sich nicht erinnern, was in der Nacht seines Verschwindens geschehen sei. Arnie's Werkstatt. Pete, von Beruf Automechaniker, meldet sich zur Arbeit zurück und wird von seinem Boß Arnie (Richard Pryor) überschwenglich begrüßt. Draußen legen sich Hank und Lou auf die Lauer, doch ihnen entgeht, daß Pete wenig später die Werkstatt. im schwarzen Mercedes von »Mr. Eddy« (Robert Loggia) verläßt. Mr. Eddy, ein eleganter Geschäftsmann mit der Aura eines Unterweltkönigs, hält große Stücke auf Petes Mechanikerkünste und bittet ihn, den - offensichtlich nachträglich eingebauten - Supermotor der Mercedes-Limousine einzustellen. Danach schnurrt die Maschine wie neu. Mr. Eddy ist begeistert und nimmt Pete auf eine Spazierfahrt mit. Auf dem Mulholland Drive erteilt er einem Verkehrsrowdy eine Lektion: Mit vorgehaltener Waffe verpaßt er ihm eine Tracht Prügel und »ermahnt« ihn, in Zukunft nicht wieder so dicht aufzufahren. Als Mr. Eddy danach Pete an der Werkstatt absetzt, bezahlt er ihn fürstlich und bietet ihm als Bonus ein Pornovideo an. Pete lehnt dankend ab. Hank und Lou erkennen derweil, daß ihnen Petes Ausflug entgangen ist - und sie erkennen auch den Mann, von dem bisher nur als »Mr. Eddy« die Rede war: Dick Laurent.

Zu Hause betrachtet sich Pete lange im Spiegel. Abends holt er Sheila ab. Sie fahren in eine ruhige Nebenstraße und lieben sich leidenschaftlich im Auto. In Arnie's Werkstatt hört Petes Kollege Phil (Jack Nance) ein fetziges Saxophon-Solo im Radio. Pete kann die Musik nicht ertragen und sucht einen anderen Sender. Kurz darauf bringt Mr. Eddy sein schwarzes Cadillac-Cabriolet zur Inspektion. Auf dem Beifahrersitz Renees Ebenbild. Eine umwerfende Blondine, mit der Pete ein paar heiße Blicke tauscht. Am Abend taucht ebendiese Blondine allein in der Werkstatt auf. Sie heißt Alice Wakefield (Patricia Arquette) und möchte mit Pete ausgehen. Pete gibt ihr zunächst einen Korb, überlegt es sich dann aber anders. Sie gehen in ein Motel und schlafen miteinander. Auch in der folgenden Nacht treffen sie sich im Motel.

Vor der nächsten Verabredung ruft Alice Pete zu Hause an. Sie könne sich nicht mit ihm treffen, flüstert sie ihm zu, Mr. Eddy habe Verdacht geschöpft. Niedergeschlagen sitzt Pete danach in seinem Zimmer; der Raum scheint sich um ihn zu drehen. Auf seinem Motorrad kreuzt er durch die Straßen und landet wieder in einem Motel - diesmal mit Sheila. Als er nach Hause kommt, wollen seine Eltern mit ihm über die Nacht seines Verschwindens sprechen. Pete erinnert sich an nichts. Er sei damals zusammen mit Sheila und einem fremden Mann nach Hause gekommen, erklärt ihm Bill, will aber nicht mehr sagen; die Erinnerung sei zu schmerzhaft. Vor seinem inneren Auge sieht der ratlose Pete zwei schemenhafte Bilder: den sich öffnenden Körper (den wir aus der Nacht der »Verwandlung« kennen) und die Videoaufnahme der verstümmelten Renee Madison.

Mr. Eddy stattet Pete einen Besuch bei Arnie's ab. Ohne es direkt auszusprechen, droht er Pete, ihn umzubringen, falls er die Affäre mit Alice fortsetzen sollte. Pete willigt trotzdem sofort ein, als Alice sich wieder mit ihm treffen will. Im Motel schlägt sie ihm vor, einen ihrer Bekannten auszurauben und sich mit der Beute aus dem Staub zu machen. Für diesen Plan interessiert sich Pete zunächst überhaupt nicht: Er will alles über Alices Vergangenheit wissen. Sie beichtet ihm, dieser Bekannte sei eine Art Zuhälter und drehe außerdem Pornos für Mr. Eddie; auch sie habe schon für ihn gearbeitet. Sie habe ihn vor langer Zeit in einer Bar namens »Moke's« kennengelernt. Sie hätten sich angefreundet und er habe ihr einen Job angeboten: In einer vornehmen Villa mußte sie sich vor den Augen von Mr. Eddy und seinen Gästen nackt ausziehen, während einer von Mr. Eddys Bodyguards ihr eine Pistole an die Schläfe hielt. Pete weiß nicht, worüber er entsetzter sein soll: über die Dinge, die Alice getan hat, oder über die Tatsache, daß ihr diese Dinge offenbar Spaß gemacht haben. Dennoch willigt er schließlich ein, den Freund in seinem Haus zu überfallen. Dessen Name ist Andy.

Vor dem Haus der Daytons macht Sheila am selben Abend Pete eine Szene. Er betrüge sie und habe sich verändert, wirft sie ihm vor und erklärt, sie wolle ihn nie wiedersehen. Ehe Pete diesen Vorfall verdauen kann, erhält er einen Anruf von Mr. Eddy. Dieser droht ihm erneut indirekt und reicht dann den Hörer an einen Freund weiter: den Mystery Man. Der begrüßt Pete wie einen alten Bekannten, während Pete sich nicht daran erinnern kann, diesen geheimnisvollen Fremden schon einmal getroffen zu haben. Sie seien sich in Petes Haus begegnet, erklärt der Mystery Man, und erzählt, wie man im Fernen Osten zum Tode Verurteilte exekutiert. Am Ende des Gesprächs schaut Pete hilfesuchend zu seinen Eltern, die das gesamte Telefonat verfolgt haben - doch sie sind plötzlich verschwunden.

Am nächsten Abend fährt Pete wie verabredet mit dem Bus zu Andys Villa. Fassungslos betrachtet er dort die Spuren einer offenbar ausschweifenden »Party«: Kleidungsstücke liegen zwischen dem erlesenen Mobiliar verstreut, und ein Filmprojektor wirft einen Porno, in dem Alice die Hauptrolle spielt, auf eine Leinwand. Als Andy die Treppe herunterkommt, schlägt Pete ihn nieder. Nun kommt auch Alice, wie Andy nur spärlich bekleidet, hinzu. Während sie Pete begrüßt, springt Andy auf und geht auf Pete los. Pete kann den Angriff abwehren und schleudert Andy so unglücklich gegen einen Tisch, daß Andys Schädel von der Glasplatte gespalten wird. Pete ist erschüttert und verwirrt, Alice bleibt dagegen kühl und distanziert. Pete entdeckt ein Foto, auf dem Renee Madison und Alice Wakefield, eingerahmt von Mr. Eddy und Andy, zu sehen sind. »Bist du das?« fragt er. »Bist du alle beide?« Alice zeigt auf die blonde Frau auf dem Foto und erklärt: »Die hier bin ich.« Pete, nun vollends irritiert und von starken Kopfschmerzen gepeinigt, bekommt Nasenbluten. Auf der Suche nach dem Badezimmer geht er in den ersten Stock, scheint sich dort jedoch auf dem Gang eines Hotels zu befinden. Er öffnet eine Tür. In dem Zimmer ist eine Frau, die Alice/Renee ähnelt, gerade beim Sex. Sie verhöhnt Pete. Unten erwartet ihn Alice mit einer Pistole in der Hand. Sie zielt auf ihn, und für einen Moment weiß Pete nicht, ob es Spaß oder Ernst ist.

Mit Andys Wagen fahren die beiden in die Wüste. Alice will zu einem Hehler, der ihnen die Beute abkaufen und Pässe verschaffen wird. Wir sehen die rückwärts brennende Holzhütte aus Fred Madisons »Zellen-Vision«. Als Pete und Alice dort ankommen, ist sie leer. Im gleißenden Scheinwerferlicht von Andys Wagen lieben sie sich - zum letzten Mal. »Du wirst mich nie haben«, haucht Alice ihrem Liebhaber zum Abschied ins Ohr und geht in die Hütte. Als Pete aufsteht, hat er sich in Fred Madison verwandelt. Fred sieht den Mystery Man auf der Rückbank des Autos sitzen, Sekundenbruchteile später steht er am Eingang zur Hütte. Fred geht hinein. Auf seine Frage, wo Alice sei, antwortet der Mystery Man, ihr Name sei nicht Alice, sondern Renee. Mit einer Videokamera geht er bedrohlich auf Fred zu und fragt ihn nach seinem Namen. Fred ergreift die Flucht.

Er fährt zum »Lost Highway Hotel«. Dort schlafen gerade Renee und Dick Laurent miteinander. Fred nimmt sich ein Zimmer und wartet. Nachdem Renee weggefahren ist, überwältigt er Laurent und legt ihn in den Kofferraum der Limousine. Beobachtet vom Mystery Man fährt er in die Wüste. Als er den Kofferraum öffnet, springt Laurent ihm entgegen, und es kommt zum Kampf. Laurent hat Fred schon fast überwältigt, da reicht der plötzlich aufgetauchte Mystery Man Fred ein Messer. Damit schneidet Fred Laurent die Kehle durch. Blutüberströmt und mit gurgelnder Stimme fragt Laurent, was Fred und der Mystery Man von ihm wollten. Der Mystery Man reicht ihm einen 'Watchman'. Über den winzigen Bildschirm flimmern Ausschnitte aus einem Pornofilm, in dem Renee mitspielt, und Szenen einer Party, bei der Laurent und Renee diesen Film anschauen und sich von den expliziten Bildern sexuell stimulieren lassen. Am Ende der »Übertragung« gibt Laurent das Gerät zurück. Der Mystery Man zieht einen Revolver und erschießt Laurent. Dann flüstert er Fred etwas ins Ohr - und löst sich in Luft auf.

Andys Villa. Die Polizisten Ed, Al, Hank und Lou haben Andys Leiche entdeckt und untersuchen den Tatort. Einer erklärt, Pete Daytons Fingerabdrücke seien überall zu finden.

in anderer betrachtet das ominöse Foto, das Pete so durcheinandergebracht hatte. Jetzt sind darauf aber nur Laurent, Andy und Renee Madison zu sehen; Alice Wakefield »fehlt«. Im Morgengrauen hält Fred Madison in Dick Laurents Mercedes vor seinem Haus. Er läutet an der Tür und sagt, nachdem er ein Knacken in der Gegensprechanlage gehört hat: »Dick Laurent ist tot.« Plötzlich tauchen Ed und Al beim Haus auf. Fred springt in den Mercedes und flieht. Verfolgt von einer Polizeikolonne rast er durch die Wüste. Nach einer Weile beginnt er zu schreien. Es scheint ihm den Kopf zu zerreißen. Beginnt eine weitere Transformation?

Was in LOST HIGHWAY geschieht (II):

Ein möglicher Weg durchs Lynch-Labyrinth

1. Kurze Vorrede Als David Lynch 1980 in einem Interview auf seinen rätselhaften Debütfilm ERASERHEAD angesprochen wurde, antwortete er, natürlich habe »der Film eine Geschichte, aber das ist nicht der Punkt. Wenn man darüber sprechen könnte, warum sollte man den Film dann machen?« Ähnlich argumentierte er in einem Gespräch während der Dreharbeiten zu LOST HIGHWAY: »Es ist gefährlich, einen Film zu erklären. Wenn man die Dinge zu genau bezeichnet, endet der Traum. Wenn man über sie spricht - es sei denn, man ist ein Poet -, wird eine große Sache kleiner.«

Lynchs Filme lassen sich nicht im herkömmlichen Sinne »erzählen« oder »erklären«, sie müssen erfahren und durchlebt werden. Dabei sind sie vollkommen offen für Interpretation, sie zielen auf das Unterbewußte und fordern den Betrachter heraus, die Bilder und Töne in eine eigene Ordnung zu bringen. LOST HIGHWAY will ganz offensichtlich irritieren und verstören; der Schock, den das erstmalige Sehen auslöst, ist erwünscht. Wie man all die Fragen, die der Film aufwirft, beim späteren Nachdenken oder wiederholtem Sehen beantwortet, ist Sache jedes einzelnen; die eine, definitive Lösung aller Rätsel gibt es wohl kaum. Deshalb sollten die folgenden Ausführungen (einschließlich der Statements der am Film Beteiligten) als Gedanken und Vorschläge ohne jedweden Absolutheitsanspruch betrachtet werden.

2. Was in LOST HIGHWAY geschieht »LOST HIGHWAY ist heutzutage wahrscheinlich genauso schockierend wie ein kubistisches Gemälde zur Zeit der traditionellen Malerei«, sagt »Mr. Eddy«-Darsteller Robert Loggia und bringt uns damit auf die erste Spur. Der Kubismus reduzierte, vereinfacht gesagt, Gegenstände auf ihre Grundformen, zerlegte sie und verband ihre Elemente zu neuen Bildgefügen; es ging ihm nicht um naturalistische Darstellung (»wie etwas ist«), sondern um die Verbindung von visueller und geistiger Erfahrung (»wie etwas gesehen wird«). Lynchs Methode in LOST HIGHWAY ist diesem Verfahren verwandt: Er übernimmt auf radikale Weise die subjektive Perspektive eines Mannes und zeigt uns, wie dieser die Welt sieht.

Der Film ist ein Trip in den Wahnsinn, von innen her betrachtet. Verabschieden wir uns also von allen Erwartungen, die wir dem traditionellen Erzählkino entgegenbringen: LOST HIGHWAY erzählt keine lineare Geschichte, vielmehr nimmt der Film die Elemente Raum, Zeit und Figuren und arrangiert sie zu einem völlig neuartigen Gefüge. Darin gibt es keinen Anfang, keine Mitte und auch keinen Schluß; hier wird keine kontinuierliche Bewegung beschrieben, sondern ein Zustand. »Es ist ein Moebius-Band«, bemerkt David Lynch und verweist damit auf jenes verschlungene Band, bei dem die Enden einmal verdreht zusammengeklebt sind und das nicht - wie etwa ein Ring - eine Innen- und Außenseite hat, sondern nur eine Oberfläche besitzt. Wir befinden uns in einer Endlosschleife, in der die Begriffe vorne und hinten sowie oben und unten keine Gültigkeit mehr besitzen, weil alles zusammengehört und ineinanderfließt. Für Fred Madison und Pete Dayton würde das bedeuten, daß sie keineswegs die beiden Seiten ein und derselben Medaille sind, sondern die beiden Seiten einer Fläche, die nur eine Seite hat. Sozusagen.

3. Was David Lynch und Patricia Arquette über LOST HIGHWAY sagen Dem Drehbuch zu LOST HIGHWAY hat David Lynch ein kurzes Vorwort vorangestellt. Er schreibt: »LOST HIGHWAY ist die Geschichte eines Killers, der an akuter Schizophrenie leidet. Der Film übernimmt die Perspektive der verschiedenen Persönlichkeiten des Killers. Diese ungewöhnliche Methode wird nach und nach deutlich, während die Geschichte voranschreitet. Auf der offensichtlichsten Ebene ist LOST HIGHWAY die Geschichte eines Mannes, der seine Frau ermordet, weil sie ihn betrügt. Die tieferen Ebenen handeln von der zersplitterten Persönlichkeit des Mörders und decken eine Spanne von Emotionen und Motivationen ab: Wut, Angst, Traurigkeit und Erniedrigung, die alle zusammen zeigen, mit welcher Macht der Verstand in der Lage ist, sich selbst zu täuschen. Der Verstand schaltet sich aus, wenn der Horror des Lebens und der Horror der eigenen Handlungen unerträglich werden.«

Auf die Gefahr hin, aus einer großen Sache eine kleine zu machen, erklärte Patricia Arquette dem Journalisten Chris Rodley (Sight and Sound, Juli 1996) ihre Rolle(n): »Ich spiele zwei verschiedene Interpretationen derselben Frau. Für mich handelt der Film von einem Mann, der versucht, das Verhältnis zu der geliebten Frau neu zu erschaffen, damit es ein besseres Ende nimmt. Fred erfindet sich neu als Pete, sein Mißtrauen ist jedoch so groß, daß sich selbst seine Wunschvorstellung in einen Alptraum verwandelt.«

4. Was in LOST HIGHWAY geschieht (zweiter Anlauf) Fred Madisons Schizophrenie läßt sich während der ersten Filmstunde an mehreren Stellen erahnen. Immer wieder schaut er in den Spiegel, als wolle er in Kontakt mit seiner anderen Seite/seinem anderen Ich treten. In der Mordnacht huschen zwei Schatten an der Wand entlang, wenn er durch die Wohnung geht. Fred ist gespalten, existiert sozusagen zweimal. Deshalb kann er sich selbst davon in Kenntnis setzen, daß Dick Laurent tot ist - in einem Moment, in dem seine beiden Seiten für kurze Zeit Zugang zueinander haben. Ansonsten weiß der »gesunde« Fred nicht, was der »kranke« Fred tut: Er kann sich während der Party zwar irgendwie an den Namen Dick Laurent erinnern, weiß aber nicht, in welchem Zusammenhang er ihn schon einmal gehört hat. Die Bilder seiner toten Frau schockieren ihn ehrlich, und im Verhör bestreitet er, sie ermordet zu haben. Er ahnt zwar, der Mörder zu sein, hofft aber, daß es nicht stimmt. (»Ich habe sie nicht getötet. Sagen Sie mir, daß das nicht wahr ist!«). Im Gefängnis verschlechtert sich Freds Zustand, er leidet unter rasenden Kopfschmerzen und gerät in eine Art Wahnzustand. In der Nacht der vermeintlichen Verwandlung schaut er auf die Zellentür, die sich - mittels Trickblende - wie ein Vorhang öffnet: Die Wand wird zur Projektionsfläche seiner Phantasie, seiner Erinnerungen und Wünsche. Die rückwärts brennende Holzhütte markiert hier (wie auch später, wenn wir sie zum zweiten Mal sehen) so etwas wie eine Kehrtwende, wie ein Zurückgehen in der Zeit. Fred imaginiert sich selbst als Pete, als jungen Mann in einer heilen Welt: behütet von den Eltern, geschätzt in seinem Job, geliebt von der Freundin (wie leidenschaftlich ist der Liebesakt mit Sheila verglichen mit dem tristen Sex mit Renee). Lynch kennzeichnet diesen Übergang durch einen drastischen Stilbruch: Während Fred und Renee in einer dumpfen, beinahe monochromen Welt voller statischer Arrangements leben, ziehen nun Farben und »normale« Bilder in den Film ein. Am Anfang von Petes Geschichte ist die Inszenierung klassisch, fast konventionell: Raum, Zeit und der Blick darauf sind »in Ordnung«. Mit dem Auftritt von Alice beginnt der Angriff der Vergangenheit auf die schöne Vision. Zunächst einmal ist auch Alice Teil einer Wunschvorstellung: eine platinblonde Sexbombe, die die Initiative ergreift und Phantasien wahrmacht, wie Renee es (für Fred) nie (oder nicht mehr) getan hatte. Zugleich dreht Fred den Spieß um: In der Realität hatte Renee ihn mit Dick Laurent betrogen, nun betrügt Pete Dick Laurent mit Alice. Das Glück jedoch hat keinen Bestand. Als Alice die Verabredung mit Pete absagt, gerät dessen Welt erstmals aus der Balance. Die Dinge scheinen sich um ihn zu drehen, er sieht unscharfe Bilder, und auch der Blick auf ihn wird immer öfter unscharf: Pete beginnt, sich vor Freds innerem Auge aufzulösen. Dieser Prozeß wird beschleunigt, wenn Pete Schritt für Schritt die Wahrheit über Alice herausbekommt - ihre erste Begegnung mit Dick Laurent, ihr Verhältnis zu Andy, ihre Mitwirkung in den Pornofilmen. Auf dem Foto in Andys Haus taucht Renee bereits neben Alice auf, der erste Stock verwandelt sich in das »Lost Highway Hotel« (das wir erst später sehen, das aber ein Teil von Freds Vergangenheit ist). Beim Liebesakt in der Wüste wird dann klar, daß Pete Alice genauso wenig »haben« kann wie Fred Renee (Alice sagt es ihm). In diesem Moment wird Pete quasi überflüssig, ihm ist kein besseres Schicksal vergönnt als Fred. Also verschwindet er bzw. wird wieder zu Fred.

Wollten wir das Geschehen von LOST HIGHWAY in eine lineare Folge bringen (und damit eine große Sache kleiner machen, weil wir sie auf ihren »Inhalt« reduzieren), so müßte es in etwa folgendermaßen aussehen: Fred und Renee haben sich (schon vor Beginn der »Handlung«) auseinandergelebt. Über Andy ist Renee in Dick Laurents Kreise eingeführt und dessen Geliebte worden. Möglicherweise hat sie auch in Pornofilmen mitgespielt (sie reagiert unsicher auf die Videobänder, als befürchte sie, enttarnt zu werden). Fred, psychisch krank, ist mißtrauisch und eifersüchtig. Er kommt hinter Renees Doppelleben und ertappt sie mit Dick Laurent im »Lost Highway Hotel«. Er tötet Dick Laurent in der Wüste, vergißt/verdrängt diese Tat jedoch; sie bleibt nur als Ahnung zurück (»Dick Laurent ist tot«). Als Fred und Renee auf Andys Party gehen, liegt dieser Mord bereits hinter Fred: Er erinnert sich vage daran und erklärt, Laurent sei tot; Andy und Renee sind beunruhigt, als könne etwas dran sein an dieser Behauptung und als würden sie Laurent bereits vermissen - schließlich fehlt er auf der Party, obwohl er zu Andys Freunden zählt.

In der Nacht nach der Party bringt Fred seine Frau um. Er wird verhaftet, verurteilt und kommt ins Gefängnis, wo er sich eines Nachts »erinnert« und Pete Dayton kreiert. Ist es die Nacht seines Todes, in der noch einmal alles an ihm vorbeizieht? Immerhin hatte er den Polizisten erklärt, er ziehe es vor, die Dinge so zu erinnern, wie er sie empfunden habe, nicht unbedingt so, wie sie sich tatsächlich ereignet hätten.

Freds Pete-Vision ist verarbeitete, veränderte Realität. Deshalb läßt sich nicht genau sagen, inwieweit Alices Vergangenheit (ihr Strip vor Dick Laurent, ihre Mitwirkung in den Pornos) mit der von Renee übereinstimmt. Möglicherweise füllt Fred in seiner Phantasie nur seine Wissenslücken. Unklar bleibt auch, ob Fred den schmierigen Andy tatsächlich umgebracht hat oder ob die ganze Geschichte in der Villa reine Erfindung ist. Am Ende tauchen dort alle vier Polizisten auf, die realen und die imaginierten, und sie finden Pete Daytons Fingerabdrücke und das Foto von Fred Madisons Frau: Schwer zu sagen, welche Ebene hier auf die andere übergreift.

5. Der Mystery Man Gäbe es ihn nicht, wäre LOST HIGHWAY sicherlich sehr viel leichter zu durchschauen - und um einige schaurig-schöne Momente ärmer. David Foster Wallace (Premiere, September 1996) schreibt über den Mystery Man: »Es ist ziemlich eindeutig, daß er den Teufel verkörpert - oder zumindest jemandes ziemlich verstörende Vorstellung vom Teufel, eine Art reiner, schwebender Geist der Boshaftigkeit wie Bob/Leland/Scary Owl in TWIN PEAKS.«

Begreifen wir den Mystery Man also als das Phantastische, als das Horror-Element von LOST HIGHWAY. Er ist das Böse, das in Freds Leben hineinschwebt (er kommt nur dorthin, wohin man ihn auch eingeladen hat), eine übergeordnete Instanz, die auf die Realität ebenso einwirken kann wie auf die Phantasie. Von ihm stammen wahrscheinlich die Videobänder (man sieht ihn am Schluß mit der Kamera), die keineswegs nur in Freds Imagination existieren, sondern auch von Renee und den Polizisten betrachtet werden können. Zugleich spielt er eine tragende Rolle in Freds Phantasiewelt: als Bedrohung (am Telefon, in der Hütte), als Helfer (er reicht Fred das Messer, mit dem dieser Laurent an die Gurgel geht), als alles durchschauender Lenker, der Fred am Ende daran erinnert, daß es in der Geschichte von Fred, Pete, Renee und Alice zwar vier Figuren, aber nur zwei Menschen gibt.

Der Dreh

LOST HIGHWAY zeigt ein »winterliches« Los Angeles: Gedreht wurde von Ende November 1995 bis Mitte Februar 1996 an rund zwanzig Schauplätzen in und um Los Angeles - bei insgesamt 54 Drehtagen. Im Dezember zog die Produktion für zwei Wochen ins Death Valley, wo, ausschließlich nachts, die Wüstenszenen entstanden. »Das Death Valley ist wunderschön und scheint kein Ende zu nehmen«, schwärmt David Lynch. »Mir gefiel der Gedanke, im 'Tal des Todes' zu drehen, allein schon wegen seines Namens. Für LOST HIGHWAY war das absolut stimmig.«

Die Musik

»Er ist der Toscanini, der Dirigent, der Mann mit der Vision«, sagt Robert Loggia über David Lynch. »Er führt musikalisch Regie«, fügt Patricia Arquette hinzu. »Während der Dreharbeiten hört er mit einer Hälfte eines Kopfhörers Musik und lauscht mit dem anderen Ohr der Szene.

Die Stücke für die verschiedenen Teile des Films hat er schon im voraus ausgewählt, und seine Regieanweisungen gibt er wie ein Dirigent.« Für LOST HIGHWAY hat der Maestro ein fesselndes Klangfeuerwerk zusammengestellt: Die Musik wird zum Soundtrack eines Höllentrips und die Tonspur zum Highway in die Abgründe der menschlichen Psyche. Neben den Originalkompositionen von Angelo Badalamenti und Barry Adamson gibt es unter anderem den programmatischen Titelsong »I'm Deranged« von David Bowie, diverse Stücke von den Nine Inch Nails und, last but not least, zwei dröhnende Klanggemälde der deutschen Gruppe Rammstein: »Rammstein« und »Heirate mich«.

Das »kosmische Rauschen«

Wenn im Abspann die Musikstücke aufgelistet werden, befinden sich darunter auch die sogenannten »Various Ominous Drones«, die von Treat Rezner und Peter Christopherson kreiert wurden. Dabei handelt es sich um das dumpf-bedrohliche Dröhnen, das seit ERASERHEAD charakteristischer Bestandteil aller Lynch-Filme ist. In LOST HIGHWAY finden diese absonderlichen Töne ihren auffälligsten Einsatz, wenn Fred und Renee die rätselhaften Videobänder abspielen. Aber auch an zahlreichen anderen Stellen bereichern sie den komplexen Klangteppich des Films, gehen sie unmerklich in Musik über oder umgekehrt. In seiner Lynch-Monographie (David Lynch und seine Filme. Marburg 1994) hat Georg Seeßlen dieses »katatonische Geräusch« als »kosmisches Rauschen« bezeichnet: »Es ist Nachhall und Gegenwart von etwas Vergangenem zugleich, Nachhall und Gegenwart der Geburt des Universums wie des einsamen jungen Mannes; es ist zugleich seinem Ursprung fern und mit ihm gleich.«

Der Noir-Touch

Lou Reed beschwört den »Magic Moment«, wenn Pete und Alice in der Autowerkstatt so etwas wie Liebe auf den ersten Blick erfahren - ein traumhafter Moment in extremer Zeitlupe. Alice, das ist die Femme fatale im schwarzen Cadillac, der lockende blonde Engel, die Inkarnation der männlichen Wunschvorstellung. Schön, sinnlich, aufreizend sexy: Pete verfällt dieser Frau augenblicklich; sie ist für ihn, was Barbara Stanwyck in DOUBLE INDEMNITY für Fred MacMurray, was Jane Greer in OUT OF THE PAST für Robert Mitchum war: die verführerische Sirene, die dem Helden den Kopf so sehr verdreht, daß er den Abgrund, auf den er unweigerlich zusteuert, nicht einmal erahnt. Aber auch wenn hier die klassische Cainsche Verschwörung variiert wird, liegt der Fall bei David Lynch doch etwas komplizierter. Schließlich ist Alice nicht nur so etwas wie die Inkarnation einer Phantasie, sondern buchstäblich eine Phantasie. Und den Abgrund schaufelt sich der Held ganz allein.

Die Autos

Für gewöhnlich halten sich Drehbuchautoren bei der Beschreibung von Autos zurück; wer später im Film welche Automarke fährt, hängt von zu vielen produktionstechnischen Unwägbarkeiten ab, um es schon im Scriptstadium festlegen zu können. Für David Lynch gilt diese Regel nicht. Im LOST HIGHWAY-Drehbuch, das er gemeinsam mit dem Schriftsteller Barry Gifford verfaßt hat, sind fast alle Fahrzeuge genau festgelegt: Ein Indiz dafür, wie wichtig dem Regisseur diese (ästhetischen) Entscheidungen sein mögen. Der illustre Wagenpark des Films: Pete Dayton fährt ein schwarzes Cabriolet aus den frühen 70ern. Auch Mr. Eddy bevorzugt die Farbe Schwarz. Er steuert einen Mercedes 450 SEL 6,9, unter dessen Motorhaube sich eine gewaltige, nachträglich eingebaute 1400-PS-Maschine verbirgt; als »Zweitwagen« fungiert ein ebenfalls schwarzes 59er Cadillac-Eldorado-Biarritz-Cabriolet. Buchstäblich chancenlos gegenüber solchen Luxuskarossen ist der gesichtslose, moderne amerikanische Neuwagen, der bei Mr. Eddys kleinem Ausflug den Fehler begeht, etwas zu dicht aufzufahren. Ähnlich uncharakteristisch und ausdruckslos ist das Vehikel der Polizisten: Sie fahren, wie eine Kamerafahrt deutlich betont, einen stinknormalen Ford. Ein ganz anderes Kaliber ist dagegen der Ford von Andy: Er fährt einen blutroten 67er Mustang.

Regie, Co-Buch: David Lynch

»Filmemachen muß unter die Oberfläche gehen, sonst macht es keinen Spaß«, sagt David Lynch, der wohl eigenwilligste und kompromißloseste unter den amerikanischen Regisseuren. Lynchs Filme dringen in unbekannte Territorien vor, loten seelische Abgründe aus, erkunden die Schattenreiche von Phantasie und Unterbewußtsein. Unablässig erschließen sie dem Kino neue Themen, Motive und Erzählformen und gehen dabei nicht nur unter die Oberfläche, sondern auch unter die Haut. »Was keine Inhaltsgabe vermitteln kann, ist die Einzigartigkeit von Lynchs Stil«, schrieb der renommierte Kritiker David Ansen. »Für mich«, erklärt Lynch, »unterscheiden sich Filme mehr und mehr von jeder anderen existierenden Art von Realität. Sie sind eher wie Träume.« Lynch wurde am 20. Januar 1946 in Missoula, Washington, als ältestes von drei Kindern geboren. Sein Vater arbeitete für das Landwirtschaftsministerium, für das er wissenschaftliche Forschungsaufträge übernahm. Berufsbedingt mußte er häufig umziehen, so daß David während seiner Jugend den Nordwesten der USA - Schauplatz von BLUE VELVET und TWIN PEAKS - gut kennenlernte. Zur Highschool ging er dann in Alexandria, Virginia.


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