Das weiße Band

(Deutschland / Österreich / Frankreich / Italien 2009, Regie: Michael Haneke, Darsteller: Christian Friedel, Leonie Benesch, Ulrich Tukur, Ursina Lardi, Burghart Klaußner - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 144 min.)

(Deutschland / Österreich / Frankreich / Italien 2009, Regie: Michael Haneke, Darsteller: Christian Friedel, Leonie Benesch, Ulrich Tukur, Ursina Lardi, Burghart Klaußner - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 144 min.)
Er ist einer der besten Filme des Jahres 2009: "Das weiße Band – eine deutsche Kindergeschichte" hat im letzten Jahr die Goldene Palme in Cannes gewonnen. Mit einer geradezu literarischen Geschichte erzählt Meisterregisseur Michael Haneke hier von brutalen Vorfällen in einem norddeutschen Dorf..
Deutschland, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs: In einem protestanti­schen Dorf im Norden herrscht das übliche spätfeudali­stische Gefüge von Autoritäten, Abhängigkei­ten und einem subtilen Strafsystem, das vom Baron über den Bauern hin zum polnischen Leiharbeiter alle Beziehungen durchdringt und vor allem die Kinder prägt. Während der Dorflehrer in seiner warmherzigen Art einen zaghaften Gegenpol setzt, bestraft vor allem der Pastor häufig, gern und ohne Nachsicht.
Alles beginnt mit einem Draht, der zwischen zwei Bäume gespannt ist, und das Pferd, samt Dorfarzt so schwer zu Fall bringt, dass er ins Krankenhaus muss und das Pferd erschossen wird. Doch die Täter werden danach nicht gefunden, der Draht verschwindet spurlos, und kurz darauf wird der Junge des Gutsherrn (Ulrich Tukur) gequält und geschlagen. Seltsame Unfälle passieren und nehmen nach und nach den Charakter ritueller Bestrafungen an. Wer steckt dahinter?
Langsam richtet sich der Fokus auf die ältesten Kinder des Dorfpfarrers und die Jungs des Gutsverwalters, die sich etwas zu auffällig für die Vorfälle interessieren. Und mit den Kindern geraten ihre Familien und ihr Leben ins Blickfeld, und hier beginnt der ganz alltägliche Horror einer deutschen Kindheit. Und auch wenn in der Zeit zwischen 1913 und 1914 der Erste Weltkrieg noch nicht ausgebrochen ist: Die Großmannssucht, die soziale Härte und vor allem das totalitären System der Gewalt, das aus allen Ritzen des Dorfes dringt, weist auf alles, was danach in Deutschland kommen wird. (Wer 1913 zehn Jahre alt war, ist 1933 dreissig Jahre alt!)
Die Kinder, müssen beispielsweise dem Vater den Rohrstock bringen, damit er sie damit zu "besseren Menschen" erzieht - Schauspieler Burghart Klaussner spielt diesen Dorfpfarrer, der das Beste für seine Kinder will, mit einer solchen Überzeugungskraft, dass einem bei so viel elterlicher "Liebe" Angst und Bange wird. Seinen Schlägen steht ein komplexes System an Erniedrigung und totaler Unterwerfung zur Seite, um die Kinder zu guten Menschen zu formen (Hierzu gehört auch das weiße Band, das die Kinder tragen müssen, damit sie stets an die "Unschuld" erinnert werden, die sie anzustreben haben.). Und auch wenn der Dorfpfarrer der perfideste unter diesen "unbewussten" Sadisten ist, er ist bei weitem nicht der einzige: Vom Gutsherren bis zum Dorfarzt, von den künftigen Schwiegereltern bis zum kleinen Bauern, die Gewalt gegen Kinder und Frauen ist allgegenwärtig – und sie wird von den Kindern weitergereicht. Vorspiel für den Faschismus des dritten Reiches?
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Begleitheft zum Film (als pdf-Datei)


Protestantismus und Arbeit

Eine Grundannahme von Michael Haneke ist, dass das geistige Klima jedes Landes wesentlich von der jeweilig vorherrschenden Religion geprägt wird. Dementsprechend siedelte er seine Idee von Kindern, die auf die autoritären Prinzipien ihrer Erzieher reagieren, in einem protestantischen Kinderchor an und zeigt, wie sich die Zöglinge schließlich zum Richter derer aufschwingen, die Werte nur predigen, aber nicht leben. Schlüsselfiguren des Films sind die Mitglieder der Pfarrersfamilie unter ihrem ■ patriarchalen Oberhaupt, einer vielschichtigen Verkörperung damaliger protestantischer Ethik und Erziehungsmethoden: scheinbar therapeutische Verhörrituale, die Idealisierung von Reinheit und Fleiß, und die pädagogische Technik, einem Kind fortgesetzt zu erklären, dass die erlebten Demütigungen und Qualen zu seinem eigenen Wohl geschehen und für den Erziehenden selbst noch härter sind (vgl. Material „Schwarze Pädagogik“ und Sequenzanalyse). Die Figur des Pfarrers repräsentiert dabei nicht nur einseitig die Mechanismen der „Schwarzen Pädagogik“, sondern verkörpert das damals typische Ideal protestantischer Erziehung. So finden sich die prägenden Merkmale des Protestantismus in allen Bereichen des dörflichen
Lebens in Hanekes Film: Zu Erntedank wird der Psalm 104 gelesen („Aller Augen warten auf Dich, Herr und Du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.“), beim sonntäglichen Gottesdienst fehlt keiner in der Kirche und nach der öffentlichen Anklage und Verdächtigung von Gemeindemitgliedern singt man „Ein feste Burg ist unser Gott“ (vgl. Filmsprache). Eine besondere Beziehung besteht zwischen der Religion und der anderen Konstante des öffentlichen Lebens im Dorf, der Arbeit. Der Protestantismus begreift Arbeit als unhinterfragbare Pflicht und als gottgewollten Mittelpunkt des menschlichen Seins vor dem Jenseits. Wie unentrinnbar aber die reale Abhängigkeit der Bauern von der ländlichen Aristokratie war, zeigt der Selbstmord des Bauern, der dies als einzigen Ausweg nach dem Verlust der Gunst des Barons sieht. Doch die Zuschauenden erfahren, dass auch der Gutsherr nicht sorgenfrei lebt: Die seit 1870 auf der deutschen Landwirtschaft lastende permanente ökonomische Krise findet Eingang in die häuslichen Diskussionen im Hause des Barons. In dessen beiläufigen Äußerungen wird auch ein anderer Aspekt der schon damals gängigen ökonomischen Modernisierung deutlich: die Anhängigkeit der Bauern von der billigen Arbeitskraft polnischer Saisonarbeiter – eine rechtlose Unterschicht, die zwar zu Erntedank mal auf Kosten des Barons zechen darf, sich aber klar unterhalb der abhängigen Kleinbauern in die soziale Hierarchie einfügen muss.


Das autoritäre System als Ursache von Terror und Gewalt

Michael Hanekes Film zeigt mit hoher historischer Genauigkeit ein geschlossenes autoritäres System, das auf der Grundlage permanenter Strafandrohung beruht: DAS WEISSE BAND untersucht die offensichtlichen und unterschwelligen autoritären Strukturen in Familien und Dorfgesellschaft und die Verinnerlichung von Werten durch die Kinder. Der Film lotet Machtverhältnisse, vor allem das Gefälle von Eltern zu Kindern, aus und enthüllt einen Mikrokosmos aus Demütigung, Drohung, Denunziation. So geht Haneke den Ursachen von Terror und Gewalt auf den Grund und findet einen sehr eigenen und wirksamen filmischen Ausdruck, den Zuschauenden diese Gewalt zu vermitteln. Haneke bricht diese Dynamik in die kleinsten Einheiten der Dorf-, Klassenund Familiengemeinschaft herunter. Er durchleuchtet seinen filmischen Handlungskosmos fast wissenschaftlich gründlich, blickt hinter die Fassaden von Schule, Kirche und Wohnhäusern: Frauen und Kinder werden gedemütigt und missbraucht, „Gesundheit“ besiegt die Behinderung, „Reinigung“ soll durch körperliche Strafen erreicht werden, die Schule ist ebenso ein Ort der Furcht wie das elterliche Heim oder der sonntägliche Gottesdienst. Mit seiner Betrachtung der sogenannten „Schwarzen Pädagogik“ (vgl. Materialien) steht Michael Haneke, der sich in diesem Film nicht zum ersten Mal mit diesem Themenkomplex beschäftigt hat, in einer langen Tradition von Spiel-, aber auch Dokumentarfilmen, die sich mit Kirche, Heimen oder Schule als Ort von Repression und Gewalt beschäftigen: Schon François Truffauts Klassiker LES QUATRE CENTS COUPS (1959) zeigt, wie der junge Protagonist Antoine in der „Besserungsanstalt“ unter einem harten, patriotischen Regiment eines selbstherrlichen Lehrers leidet. Im Jahr 1959 spielt auch DEAD POETS SOCIETY (Peter Weir, 1989), in dem mit dem neuen Lehrer Keating auch neue Perspektiven und Unterrichtsmethoden Einzug in ein erzkonservatives Jungeninternat halten. Mit „Schwarzer Pädagogik“ in katholischen Internaten setzt sich auch der österreichische Dokumentarfilm DIE LETZTEN ZÖGLINGE (Christoph Mayr/Peter Oberdorfer, 2005) auseinander, in dem prominente ehemalige Klosterschüler in Interviews Auskunft über ihre negativen Internatserfahrungen geben. Zur gleichen Zeit wie Michael Hanekes Film spielt schließlich Volker Schlöndorffs Literatur-Adaption DER JUNGE TÖRLESS (1966), doch auch hier beschränkt sich die dargestellte fatale Wechselwirkung von Erziehung, Demütigung, Gewalt und fehlgeleiteter Rebellion auf die strikten Hierarchien in einem Jungendinternat.


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