Der Trinker

1995, Regie: Tom Toelle Darsteller: Harald Juhnke (Erwin Sommer), Jutta Wachowiak (Magda Sommer), Deborah Kaufmann (Ellinor), Christian Grashof (Wirt), Eberhard Esche (Dr. Mansfeld). Länge: 100 Min.

"Der Film", gestand Harald Juhnke damals ein, "hat mich verändert." Nicht, dass der Schauspieler dem Teufel Alkohol nach der Hauptrolle in Ulrich Plenzdorfs Adaption des Fallada-Romans "Der Trinker" (1995) abgeschworen hätte. Aber: "Bisher habe ich mit meiner Krankheit kokettiert, sie lächelnd übertüncht. Heute bekenne ich mich zu ihr." Der Fernsehfilm, bei dem Tom Toelle Regie führte, wurde im Dezember 1995 von der ARD erstmals ausgestrahlt. 6,8 Millionen, sicher weniger als damals erwartet, schauten zu.

Die Boulevardpresse hatte auch nach dem Film immer wieder Grund, über Juhnke und seine Krankheit zu berichten. Doch schien es wirklich, als wäre er selbst in der Öffentlichkeit selbstverständlicher damit umgegangen, ohne sie zu verharmlosen. Mit der Rolle des "Trinkers" jedoch hat Juhnke so etwas wie das Vermächtnis eines Schauspielers geschaffen, Warnung vor der Droge Alkohol und Selbsttherapie in einem. Juhnke gibt im Film eine Glanzvorstellung, spielt mit großer Präzision und Leidenschaft.

Filmautor Ulrich Plenzdorf verlegte Falladas Roman aus der Entstehungszeit in den 40er-Jahren in die Zeit der Wende. Ein Großhändler aus der DDR sieht nach der Wiedervereinigung seine Felle davonschwimmen. Lange hat er das elterliche Geschäft durch raue Jahre recht erfolgreich geführt, doch jetzt stellen sich Rückschläge ein. Er flieht in den Suff - bis hin zum selbstgewählten Ende. Eine frühe deutsche Ausgabe des Oscar-Gewinners "Leaving Las Vegas".

Fallada schrieb das Buch 1944 unter Aufsicht im Gefängnis. "Zeitbezug war ausgeschlossen - und war nicht gewollt", glaubt Ulrich Plenzdorf. "Gewollt war die Geschichte eines Trinkers, geschrieben von einem Trinker, der mehr über das süchtige Trinken wusste als die Ärzte seiner Zeit."

25.02.2001

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1996 - strassenfeger - Karsten Krampitz: "...daß es bald besser wird" Im Gespräch mit Harald Juhnke

Harald Juhnke - Foto: dpa
Guten Tag.

Dies ist ein Dokument über uns selbst. Im Jahr 1996 gelang es tatsächlich dem strassenfeger-Redakteur Karsten Krampitz ein Interview mit
Harld Juhnke zu führen. Es ist sogar digital erhalten. Wir drucken es an dieser Stelle gerne nach.

Stefan Schneider, 01.07.2007

"Ein als Hauptmann verkleideter Mensch führte gestern eine von Tegel kommende Abteilung Soldaten nach dem Köpenicker Rathaus, ließ den Bürgermeister verhaften, beraubte die Gemeindekasse und fuhr in einer Droschke davon.", schrieb am 17. Oktober 1906 die Tägliche Rundschau. Mit dieser "Köpenickiade" sollte er schon kurz darauf berühmt werden - der Schuster Wilhelm Voigt. Das 90-jährige Jubiläum des Hauptmanns von Köpenick war jedoch nicht der einzige Anlaß, warum Karsten Krampitz sich für den Wohnungsloser mit Harald Juhnke traf, der am Maxim Gorki Theater die Hauptrolle in Carl Zuckmayers gleichnamigen Stück spielt.

sf: "Herr Juhnke, wie geht es Ihnen?"

Juhnke: "Mir geht es gut, privat und auch beruflich. Der Erfolg ist groß, unsere Vorstellungen sind immer ausverkauft. Was will man mehr? Das Stück ist wohl so`n richtiger Renner geworden. Wir spielen ja noch bis Ende nächsten Jahres."

sf: "Obdachlose, die am Ku´damm »Sitzung halten« erzählen, daß Sie dort öfter mal einen Schein in den Hut werfen. Einmal soll es sogar ein Hunderter gewesen sein, wobei Sie angeblich gesagt haben: «Hier, kannst jetzt Feierabend machen!»"

Juhnke: "Also, ob das nun mit der Summe stimmt, weeß ick nich, aber wenn`s eben `n Alter war, wo man gesehen hat, der hat`n schweres Leben, da hab ich schon gegeben. Aber ob das ein Hunderter war, weiß ich nicht. Vielleicht waren es auch bloß zwanzig oder fünfzig."

sf: "Wie kann es sein, daß im vergangenen Sommer die Bundesregierung das Sparpaket beinahe ungehindert durchsetzen konnte, und ganz Deutschland redete von Fußball und Juhnke?"

Juhnke: "Naja, das war wohl das Interessanteste. Die Leute wollten scheinbar nicht mit dem Sparpaket und so belästigt werden. Die ganze Politik hängt auch vielen zum Hals raus. Aber ich sehe das sehr positiv, glaube, daß es hierzulande doch schon bald anders aussehen wird. Daß der Staat wieder sozial denken kann, nicht überall sozial beschneiden wird. Ich meine, die Schulden sind jetzt da. Wer dafür verantwortlich ist, kann man im Einzelnen nicht sagen. Da müssen wir durch. Aber wir erwarten doch, daß es in fünf Jahren wieder aufwärts geht."

sf: "Wir erwarten nichts mehr..."

Juhnke: "Nee, man darf nie aufgeben."

sf: "Freunde und Kollegen von Ihnen sagen, Sie wären ein Genie, ob als Schauspieler oder als Lebenskünstler. Sie hätten die Gabe, aus dem Bodensatz des Lebens noch herrliche PR-Erfolge zu keltern. Was denken Sie von Ihrem Publikum, das Ihnen bisher alles verziehen hat und Sie deswegen vielleicht noch um so mehr liebt?"

Juhnke: "Beim Publikum ist das ja so: die Leute interessiert das Private gar nicht. Die wollen mich sehen, ob auf der Bühne, im Film oder im Fernsehen. Und wenn Juhnke da gut ist, sagen sie eben: «Naja, ist eben `n guter Schauspieler». Ob er aber ein Genie ist, das kann ick von mir selbst natürlich nicht sagen. Einige sind der Meinung - wie jetzt auch wieder die Presse - daß Juhnke eben der Größte ist, trotzdem er mal die Schwierigkeiten hatte. Aber diese Schwierigkeiten sind vielleicht auch dazu da, daß man besser wird. Wenn immer allet so glatt jehen würde, wär`s ja och Scheiße."

sf: "Ihre Traumrolle war wohl der Hauptmann von Köpenick. Gibt es da Parallelen zu Ihrem eigenen Leben?"

Juhnke: "Nee, überhaupt nicht. Ich war zwar auch mal im Knast, als junger Mann, wegen Alkohol am Steuer und Widerstand gegen die Staatsgewalt. Aber sonst habe ich mir nichts zuschulden kommen lassen. Der wirkliche Hauptmann von Köpenick hat ja auch kaum was gemacht. Immer nur kleine Dinger und die haben ihn gleich für Jahre eingesperrt. Und draussen kriegte er dann keine Meldung, und ohne Meldung keine Arbeit. Und ohne Arbeit konnte er sich nicht anmelden... Also alles so Sachen, die heute immer noch so ähnlich sind."

sf: "Nach dem Krieg sollen Sie große Erfolge nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Schwarzhändler gefeiert haben?"

Juhnke: "Da habe ich mir mein Geld für die Schauspielschule verdient. War aber kein großer Schwarzhandel, mal `ne Flasche Schnaps, die ich geschenkt bekommen und nicht selber gesoffen habe. Die hab ich dann teuer verkauft. Ich hab auch mal `nen alten Mantel getauscht, watt weeß ick, gegen `ne Jacke. War eben so `ne Zeit. Keener hatte ja watt."

sf: "Wie denken Sie in diesem Zusammenhang über die zahllosen Obdachlosen in Berlin?"

Juhnke: "Das ist natürlich ein Riesenproblem. Da müßte man endlich mal anfangen, was zu tun. Ich meine, es gibt auch viele Leute, die obdachlos sein wollen, die sich zurückziehen von der bürgerlichen Gesellschaft. Da kenne ich auch ein paar, die wirklich was drauf haben, die gebildet sind, richtige Doktoren. Ich meine, es sind ja nun nicht alles haltlose Säufer. Aber die Sache ist doch die: Wenn es allen schlecht geht, geht es den Ärmsten natürlich am schlechtesten. Und das ist eben im Moment der Fall."

sf: "Im letzten Jahr übernahmen Sie für`s Fernsehen die Hauptrolle in der Fallada-Verfilmung «Der Trinker». Welche Botschaft wollten Sie mit Ihrer Darstellung herüberbringen?"

Juhnke: "Ich wollte zeigen, daß es bei jedem gefährlich werden kann, der Alkohol trinkt, wenn er Schwierigkeiten im Leben hat. Daß er sich da zurück halten muß, sonst geht er drauf! Fallada selbst ist schließlich auch zum Schluß daran gestorben. Und es ist ja sein eigenes Leben, das er da in dem Roman erzählt."

sf: "Haben Sie nicht Angst, durch die Art und Weise, wie Sie sonst in der Öffentlichkeit mit ihren Problemen umgehen oder umgegangen sind, vielen Alkoholikern einen Vorwand zu geben, weiterzutrinken?"

Juhnke: "Nein, weil ich immer gesagt habe, daß ich nicht trinken darf. Jeder Alkoholiker weiß aber, wie schwer es ist, davon wegzukommen. Heute müßte ich eigentlich ein Vorbild sein. Jetzt müßten die Leute sagen: «Kiek mal der Juhnke, watt der für Erfolge hat, wo er nich mehr säuft!» Versprechen kann man viel, aber sehen, das ist das Wichtigste! Ich arbeite wieder für Theater und Film, auch für`s Fernsehen, die Sylvestershow zum Beispiel. Und wenn jemand soviel dreht, kann er ja nicht saufen!"

sf: "Glaubt man den Presseberichten, dann ist Ihr nächster großer Traum, einmal den Professor Unrat im «Blauen Engel» zu spielen."

Juhnke: "Die Filmrechte dafür liegen leider in Amerika, und die bekommen wir nicht. Ich mache aber einen anderen Film, der ein ähnliches Problem behandelt wie Professor Unrat. Der Streifen wird jedoch nichts mit dem Blauen Engel zu tun haben. Die Handlung ist extra für mich geschrieben worden."

sf: "Sind Sie eigentlich wählen gegangen?"

Juhnke: "Nein, ich bin nicht dazu gekommen. Habe mich auch nicht groß danach gedrängt, wußte auch nicht genau, wen ich wählen sollte."

sf: "Als vielbeschäftigter Entertainer und momentan, als Hauptmann, bleibt da noch Freizeit, zum Beispiel, um ein Buch zu lesen?"

Juhnke: "Sicher, so viel Zeit muß sein. Man bekommt ja auch viele Bücher geschenkt, zu Weihnachten oder zum Geburtstag. Und da mußte Dich auch mal ranmachen, die Dinger zu lesen. Das einzige, wozu ich kaum noch komme, ist ein Theaterbesuch. Wir sind zwar nicht jeden Tag hier im Maxim Gorki Theater, aber wenn man selbst spielt, kostet es schon Überwindung, sich ein anderes Stück anzuschauen."

sf: "Schauspieler werden da aber verbilligt reingelassen."

Juhnke: "Ich will nur nicht reingehen, das ist also was Anderes. Ich halte mich schon an meinem Stück fest und lasse mich nicht ablenken."

sf: "Das letzte Buch, was Sie gelesen haben?"

Juhnke: "Das war «Hitlers willige Vollstrecker» von Goldhagen, einem jüdischen Autor. Viele Sachen darin sind interessant. So einen muß man einfach lesen! Natürlich stimmt nicht alles hundertprozentig, was er da schreibt. Aber, daß er aus seinem Umkreis so schreibt, ist selbstverständlich."

sf: "Einen Großteil Ihrer Kindheit haben Sie in Frankfurt/Oder verbracht. Haben Sie heute noch Kontakte dahin?"

Juhnke: "In Frankfurt besaßen meine Eltern eine Bäckerei. In den Ferien fuhren wir immer zu ihnen. Und die Leute dort wissen das auch. Die kannten mich und meine Mutter, die dort aufgewachsen ist. Und neulich sprach mich auch der Maske an, der Boxer: «Ich weiß, daß Sie auch ein halber Frankfurter sind». Kontakte in die Stadt habe ich aber nicht mehr. Vor Jahren bin ich da umsonst im Kleisttheater aufgetreten, weil die kein Geld hatten. Und da war das Haus auch voll."

sf: "Abschließend noch: Was wünschen Sie sich und Ihrem Publikum für die Zukunft?"

Juhnke: "Für die Zukunft wünsche ich mir, daß der Alkohol weit von mir entfernt bleibt. In dem halben Jahr, in dem ich jetzt nicht mehr trinke, habe ich festgestellt,daß es mir weitaus besser geht. Und für mein Publikum wünsche ich, daß es bald wieder besser wird in unserem Land, daß wir bald eine andere Konstellation haben und aus der Talsohle, in der wir jetzt sind, herauskommen."

sf: "Harald Juhnke, vielen Dank für das Gespräch."

Interview: Karsten Krampitz


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